Potty Parity: Gleichberechtigung auf dem Klo

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Auf den ersten Blick scheint eine Toilette nicht unbedingt ein politischer Ort zu sein. Doch wer einmal in der Schlange vor einer Frauentoilette stand, weiß: Hier zeigt sich Ungleichheit ganz praktisch. Während Männer meist schnell fertig sind, müssen Frauen oft minutenlang warten. Dazu kommen Fragen der Sicherheit, Privatsphäre und Inklusion, besonders für Mädchen, trans und nicht-binäre Personen oder Menschen mit Behinderungen. Gleichberechtigung auf dem Klo bedeutet also weit mehr als Komfort. Sie steht für Würde, Teilhabe und das Recht, öffentliche Räume sicher nutzen zu können.

Potty Parity: Gleichberechtigung auf dem Klo

Gleichberechtigung beginnt oft im Kleinen und manchmal auch dort, wo wir es kaum erwarten würden, zum Beispiel eben auf der Toilette. Sanitäre Grundversorgung, also der Zugang zu sauberen Toiletten, Waschgelegenheiten und hygienischen Bedingungen, ist ein grundlegendes Menschenrecht. Sie betrifft nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Würde, Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe. Weltweit zeigt sich jedoch, dass diese Versorgung nicht für alle Menschen gleich ist.

Gleichberechtigt auf Klo?!

Frauen, Mädchen, trans und nicht binäre Menschen sind im Alltag besonders benachteiligt, wenn es um sanitäre Anlagen geht. Schon einfache Zahlen machen das deutlich. Laut einer Studie zeigt sich, dass während Männer im Durchschnitt nur rund elf Sekunden auf eine öffentliche Toilette warten, Frauen im Schnitt etwa sechs Minuten anstehen müssen . Diese Ungleichheit wird als Potty Parity bezeichnet. Die Ursache liegt nicht allein im Verhalten, sondern beginnt bereits bei der Planung von Toiletten. In vielen Gebäuden gibt es für Männer insgesamt mehr Toilettenplätze, also Urinale und Kabinen zusammengenommen, obwohl Frauen im Durchschnitt mehr Zeit benötigen, etwa wegen Menstruation oder Schwangerschaft. Diese Form der Planung ist beispielsweise in der deutschen Versammlungsstättenverordnung festgelegt.

Auch ältere Menschen sind stärker von einem Mangel an öffentlichen Toiletten betroffen. Etwa 10 bis 15 Prozent aller Erwachsenen haben eine Form von Blasenschwäche. Bei Menschen über 60 Jahren steigt dieser Wert auf rund 30 Prozent an. Bei den über 80 Jährigen sind zwischen 40 und 50 Prozent betroffen. Öffentliche Toiletten sind für viele Menschen eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und sich sicher und selbstbestimmt in der eigenen Stadt zu bewegen.

Für trans und nicht binäre Personen sind Toiletten auch eine Frage von Sicherheit und Würde. Studien zufolge geben bis zu 59 Prozent an, in öffentlichen Toiletten Diskriminierung, Belästigung oder Ausgrenzung erfahren zu haben. Viele vermeiden deshalb den Besuch öffentlicher Toiletten vollständig, trinken weniger oder halten den Toilettengang länger zurück, als es gesund wäre. Dies kann psychisch belastend sein, gesundheitliche Schäden verursachen und dazu führen, dass Menschen öffentliche Orte meiden und dadurch von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden.

Sicherheit und Hygiene für Frauen und Mädchen weltweit

Weltweit ist der Zugang zu sauberen und sicheren Toiletten für Frauen und Mädchen an vielen Orten überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Wer seine Notdurft im Freien verrichten muss, riskiert nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die eigene Sicherheit. Studien zeigen, dass Frauen und Mädchen, die keine privaten Toiletten haben, deutlich häufiger Opfer von Übergriffen werden. Ihre Privatsphäre und Würde sind dadurch massiv eingeschränkt. Gemeinschaftliche Sanitäranlagen, also Toiletten, die von mehreren Haushalten geteilt werden, sollen dieses Problem teilweise lösen. Oft erfüllen sie jedoch nicht die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen, da sie schwer zugänglich, häufig verschmutzt und schlecht beleuchtet sind. Viele trauen sich daher nur zu bestimmten Tageszeiten dorthin, was ihre Teilnahme am öffentlichen Leben einschränkt.

Auch in Schulen zeigt sich diese Benachteiligung. Laut einem Bericht von UNICEF und der Weltgesundheitsorganisation verfügen weltweit nur rund 31 Prozent der Schulen über Abfallbehälter für Menstruationsprodukte in den Toiletten für Mädchen und nur etwa 39 Prozent bieten Menstruationsbildung an. Für viele Schülerinnen bedeutet dies, dass sie während ihrer Periode zu Hause bleiben. Fehlende Aufklärung und schlechte sanitäre Bedingungen führen somit direkt zu Bildungsnachteilen, die wiederum geringere Chancen im weiteren Leben nach sich ziehen.

Gleichberechtigung auf dem Klo!

Gleichberechtigung in der sanitären Grundversorgung ist keine Nebensache, sondern eine Frage von Menschenwürde und öffentlicher Gerechtigkeit. Neuere Entwürfe der Muster-Versammlungsstättenverordnung betonen daher auch, dass Toiletten künftig flexibler und inklusiver geplant werden sollen. Sie sollen geschlechtsneutral, barrierefrei und an den tatsächlichen Bedarf der Menschen angepasst sein. Insgesamt zeigt sich, dass sanitäre Anlagen weit mehr als Orte der Hygiene sind, sondern eben auch Orte der Teilhabe. Eine faire Gestaltung bedeutet, dass niemand ausgeschlossen wird, weder wegen Geschlecht, Identität, körperlicher Fähigkeiten noch wegen des Alters. Erst wenn alle Menschen ohne Angst, Scham oder Hindernisse auf die Toilette gehen können, kommt echte Gleichberechtigung näher. Ein wichtiger Schritt dafür ist, das Thema offen anzugehen, Tabus zu überwinden und die Bedürfnisse aller Nutzer*innen zu berücksichtigen. Nur so kann die Planung und Umsetzung fairer Toilettenräume für alle gelingen.

 

Quellen und weiterführende Links:

UNICEF & WHO (2024): Progress on drinking water, sanitation and hygiene in schools.
https://data.unicef.org/resources/jmp-wash-in-schools-2024/

UNICEF & WHO (2023): Progress on household drinking-water, sanitation and hygiene.
https://iris.who.int/handle/10665/378150

WHO (2019): Sanitation and Health.
https://www.who.int/publications/i/item/9789241514705

The Guardian (2017): Gender-neutral bathrooms and waiting times.
https://www.theguardian.com/news/datablog/2017/sep/05/gender-neutral-bathrooms-can-save-women-from-waiting-forever-in-line

Williams Institute, UCLA (2023): Safety in Restrooms and Facilities Report.
https://williamsinstitute.law.ucla.edu/publications/safety-in-restrooms-and-facilites/

Versammlungstättenverordnung: §12 Toilettenräume von Versammlungsstätten.
https://dejure.org/gesetze/VStaettVO/12.html

Muster-Versammlungsstättenverordnung, Entwurf 2024.
https://www.is-argebau.de/fileadmin/Ministerium/dateien/Service/MVStättVO_E_2024.pdf

German Toilet Organization: Zahlen & Fakten.
https://www.germantoilet.org/de/zahlen-und-fakten

BZgA / Kompetenzzentrum Geriatrie (2017): Alte Menschen II.
https://www.kcgeriatrie.de/fileadmin/Kcgeriatrie/Downloads/bzga_band_51_alte_menschen_II.pdf

UN (2010): Resolution zum Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung.
https://www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/RES/64/292

Wheelmap / Sozialhelden: Barrierefreie Toiletten.
https://www.wheelmap.org

Toiletten für alle (Stiftung Leben pur).
https://www.toiletten-fuer-alle.de

Aktuelle weiterführende Artikel:

MOMENT, 19.11.2025: „Warteschlange vor dem Frauenklo“: https://www.moment.at/story/warteschlange-vor-dem-frauenklo/ Moment.

Deutschlandfunk Kultur, 19.11.2025: „Benachteiligung durch WC-Schlangen“: https://www.deutschlandfunkkultur.de/oeffentliche-toiletten-wc-schlange-frauen-benachteiligung-100.html