Afrikas Kampf um seine Kunst

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Gespräch mit der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über die Restitution von Kunstwerken und die Frage: Was können wir aus vergangenen Kämpfen afrikanischer Länder für die heutige Auseinandersetzung lernen?

Nach der engagierten Diskussion mit Nana Oforiatta Ayim im Übersee-Museum zu "Afrikas Kampf um seine Kunst" hatten wir am 8. Oktober Bénédicte Savoy zu Gast. Als Wissenschaftlerin, deren Expertise sehr gefragt, ist, hat Savoy einschlägige Erfahrungen sowohl mit der deutschen wie auch der französischen Kulturpolitik gesammelt. Unter Protest verließ die französische Kunsthistorikerin das Kuratorium des Berliner Humboldt-Forums: Sie beklagte mangelnde Transparenz und unzureichende Provenienzforschung in Bezug auf die umfangreichen ethnologischen Sammlungen, deren Präsentation vergangene Woche feierlich eröffnet wurde. Im Auftrag des französischen Staatspräsidenten erarbeitete Savoy schon 2018, gemeinsam mit Felwine Sarr, einen Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter aus französischen Museen. Deren Vollzug bleibt jedoch fraglich.

Allerorten erleben wir eine Situation, in der das Unrechts-Bewusstsein für koloniale Ausbeutung, auch in kultureller Hinsicht, wieder gewachsen ist - die Konsequenzen jedoch noch unklar sind.  Dieser aktuellen Perspektive hat Savoy nun eine sehr wichtige historische hinzugefügt: Eindrucksvoll belegt sie mit ihrem Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“, wie intensiv viele afrikanische Länder schon unmittelbar nach Erlangung ihrer Unabhängigkeit um die Rückgabe von Kunstwerken kämpften. Dieser Kampf um Artefakte, die große Bedeutung für die kulturelle Identität haben, fand in den 1960er und 1970er Jahren durchaus Unterstützung im Westen. Am Ende war er jedoch nicht nur vergebens, er wurde auch erfolgreich vergessen gemacht. Und so ähneln die Argumente, mit denen damals die Forderungen aus Afrika erfolgreich entkräftet und Lösungen verhindert wurden, auf frappierende Weise denen von heute.

Auf der Grundlage von unzähligen unbekannten Quellen aus Europa und Afrika erzählt Savoy die Geschichte einer verpassten Chance, einer Niederlage, die heute mit umso größerer Wucht auf uns zurückschlägt. Savoy verfolgt den damaligen postkolonialen Aufbruch und sein Ersticken und fragt, welche Akteure, Strukturen und Ideologien damals dafür sorgten, dass das Projekt einer geordneten, fairen Rückgabe von Kulturgütern traurig scheiterte. Was ist daraus für die aktuellen Auseinandersetzungen zu lernen?

Bénédicte Savoy lehrt Kunstgeschichte an der TU Berlin und am Collège de France in Paris, 2016 erhielt sie den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.