"Der Strukturwandel ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe"

"Der Strukturwandel ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe"

Interview

Energiewende, Verkehrswende und Digitalisierung verändern Industrie und Beschäftigung. Zum Tag der Arbeit am 1. Mai fragt Stefanie Groll, Referentin für Ökologie und Nachhaltigkeit, Jörg Hofmann, den Vorsitzenden der Gewerkschaft IG Metall, wie gute Arbeit und ökologische Modernisierung zusammenkommen.

Herr Hofmann, in der Studie „Gesamtwirtschaftliche Effekte der Energiewende“ des Wirtschaftsministeriums heißt es, dass die Energiewende auf lange Sicht dauerhaft positive Wirkungen habe. Energie würde langfristig durch „Kapital und Arbeit substituiert und mit höherer Beschäftigungsintensität bereitgestellt.“ In welchen Bereichen schafft Energiewende gute Arbeitsplätze?

Die Energiewende ist für eine Industrienation ein gigantisches Projekt. Die Beschäftigungseffekte gehen weit über die Energiewirtschaft hinaus. Sie betreffen auch deren Technologielieferanten. Und über die Strompreise sind viele andere Branchen betroffen. Die von Ihnen genannte Studie geht davon aus, dass die energieintensive Industrie weitgehend von Umlagezahlungen befreit wird, die Strompreise für Verbraucher/innen sinken, gesamtwirtschaftlich sehr viel investiert wird und erneuerbare Energien vor allem im Inland Beschäftigung generieren. Keine dieser Bedingungen ist derzeit zufriedenstellend erfüllt. Wenn die Rahmenbedingungen aber stimmen, dann kann die Energiewende in der Tat gesamtwirtschaftlich positive Effekte haben. Und sie kann natürlich in der Branche der Erneuerbaren Energien gute Arbeitsplätze schaffen, beim Ausbau der Stromnetze, den Speichertechnologien und beim Bau und Betrieb moderner Gaskraftwerke.

Welche politischen Weichenstellungen sind jetzt notwendig, damit etwa in der Solar- und Windindustrie Beschäftigung geschaffen und gesichert wird? Was schlagen Sie vor?

Gute Arbeitsplätze gibt es in tarifgebundenen und mitbestimmten Betrieben. Im Bereich der Erneuerbaren haben wir etwa bei der Gründung von Betriebsräten nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Wir machen bei der Organisierung der Branche zwar gute Fortschritte, kämpfen aber oft gegen ärgerliche Widerstände an. Es wäre gut, wenn auch die ökologisch motivierte Öffentlichkeit die soziale Komponente dieser Transformation stärker unterstützen würde. Von der Politik fordern wir verlässliche Mengengerüste und Ausbaupfade für Windenergie an Land, Offshore, und für Solarenergie mit erhöhten jährlichen Ausschreibungen. Sonst erreichen wir bis 2030 nicht den Anteil von 65% am Bruttostromverbrauch, wie von der Bundesregierung angestrebt. Wir müssen den Netzausbau beschleunigen sowie neue Speichertechnologien und intelligente Verteilnetze voranbringen. Das alles birgt direkte Beschäftigungspotentiale. Es ist paradox: Während der Ausbau von regenerativen Energien, neuen Stromnetzen und Gaskraftwerken als notwendige Übergangstechnologie gefordert wäre, bauten die Branchen des Energieanlagenbaus und der Windkraft in den letzten 2 Jahren 10.000 Arbeitsplätze ab. Der Grund: fehlende Planungssicherheit für Investitionen.

Im Moment wird viel über den Umbau der Automobilindustrie diskutiert. Was muss man können für Elektromobilität und in der Autoindustrie 4.0? Welche Qualifikationen sind heute gefragt, wenn man bei Autoherstellern und Zulieferern arbeitet?

Natürlich die Qualifikationen, die mit einem klimafreundlichen Verbrennungsmotor zu tun haben. Im Fahrzeugmix des Jahres 2030 wird noch ein erheblicher Anteil effizienter Verbrennungsmotoren vertreten sein. Aber klar: Der Umbau läuft und er nimmt enorm an Fahrt auf. Wir gehen davon aus, dass bis zu 150.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Wandel in den nächsten 10 Jahren betroffen sein werden. Welche Qualifikationen gefragt sein werden, ist zum Teil noch unklar und es ist ein sehr weites Feld. Heute ist der Hochlauf der E-Mobilität das Gebot der Stunde. Keine andere Low-Emission-Technologie steht jetzt schnell und massenhaft zur Verfügung. Neue Qualifikationen sind alle, die mit den neuen Elektro-Antrieben zu tun haben einschließlich der gesamten Wertschöpfungskette Batterie bis hin zur IT und den neuen Mobilitätsdienstleistungen. Vorausgesetzt diese Komponenten werden in Deutschland investiert. Wir sollten auch nicht vergessen: Morgen oder übermorgen könnten andere Technologiepfade, wie synthetische Kraftstoffe, oder die Brennstoffzelle ihre Chance bekommen. Auch hierfür werden Kompetenzen gebraucht.

Investieren Industrieunternehmen genug in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Inwiefern schafft der Staat gute Bedingungen für Weiterbildung,- etwa so, dass der klassische Metaller zum Mechatroniker für Automatisierungstechnik werden kann?

Es gibt solche und solche. Insgesamt gibt es zu viele Unternehmen, die zu wenig für ihre Mitarbeiter/innen tun. Wir haben soeben Hunderte von Betrieben unserer Branchen befragt, um herauszubekommen, wie gut sie sich und ihre Mitarbeiter/innen auf die anstehende Transformation vorbereiten. In den nächsten Monaten werden wir die Ergebnisse auswerten und Schritt für Schritt einen „Transformationsatlas“ der IG Metall herausgeben. Daraus ergeben sich dann auch spezifische Forderungen an Unternehmen und an die regionale Politik, denn Strukturen sind oft regional geclustert. Unsere Forderungen an die Politik formulieren wir schon seit längerem: Qualifizierung und Weiterbildung gehören ins Zentrum der Arbeitsmarktpolitik und zwar nicht erst wenn die Leute bereits arbeitslos sind. Das Qualifizierungschancengesetz war ein erster Schritt. Wir fordern ein „Transformationskurzarbeitergeld“. Das würde es Beschäftigten ermöglichen, sich im Betrieb für kommende Anforderungen zu qualifizieren, wenn die Aufträge für alte Technologien nach unten gehen. Entgelt und Arbeitsplatz wären abgesichert, die Kosten teilen sich Unternehmen und Bundesagentur für Arbeit, denn es handelt sich beim Strukturwandel auch um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.   

Verkehrsunternehmen wie die Deutsche Bahn und andere Mobilitätsanbieter suchen händeringend Personal. Auch viele gewerbliche Stellen sind offen. Inwiefern ist eine Verlagerung von Beschäftigung praktisch möglich? Haben Sie dafür Konzepte?

Man wechselt von der Fertigung nicht so einfach in das Gesundheitssystem. Aber mit in einer gewissen Zeitspanne und in verwandten Branchen ist das praktikabel. Dazu brauchen wir eine gut koordinierte regionale Strukturpolitik. Wir schlagen regionale Transformationsbeiräte vor, in denen Politik, Gewerkschaften, Handelskammern und Bundesagentur für Arbeit zusammenarbeiten.

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