Aus der Krise geboren: Neue Online-Zeitungen mischen Spaniens Medienlandschaft auf

Aus der Krise geboren: Neue Online-Zeitungen mischen Spaniens Medienlandschaft auf

Hintergrund

Das politische Panorama in Spanien und damit auch die Medienlandschaft haben sich im Zuge der schweren wirtschaftlichen und politischen Krise nach 2008 radikal verändert.

Die konservative Volkspartei und die Sozialisten müssen sich den politischen Raum seit ein paar Jahren mit der Linkspartei Podemos und der rechtsliberalen Ciudadanos teilen. Gleichzeitig haben die traditionellen Zeitungen wie El País, El Mundo oder ABC ebenfalls ihre Vorherrschaft eingebüßt, zugunsten von neuen, meist rein digitalen Medien wie eldiario.es oder elconfidencial.com. Einige der Neuen spielen in punkto Glaubwürdigkeit, Leserschaft und exklusiven Geschichten mittlerweile in derselben Liga wie die Alten.

Der radikale Umbruch der Medienlandschaft vollzog sich während und wegen der Rezession, in deren Zuge eine Welle von Korruptionsskandalen in der Politik zu Tage kam. Diese Mischung führte 2011 zu den massiven Protesten der Bürgerbewegung des 15. Mai (15-M). „Die neuen Medien sind mehrheitlich Kinder der wirtschaftlichen und politischen Krise“, erklärt Ignacio Escolar, Gründer und Chefredakteur von eldiario.es, die zu den meistgelesenen Online-Zeitungen Spaniens gehört. „Die politische Krise bewirkte einen Vertrauensverlust in die Institutionen, der nicht nur die Parteien betraf, sondern auch die Medien. Und im Falle der Presse verschärfte die wirtschaftliche Krise diesen Vertrauensverlust, denn sie verloren ihre Unabhängigkeit. In einem Moment, als Spanien unter einem internationalen Rettungsschirm für sein Finanzsystem stand, fielen die Medien in die Hände der Banken, bei denen sie hohe Schulden angehäuft hatten“, so Escolar, der auch Hauptaktionär der 2012 von ihm gegründeten Zeitung ist. Die Abhängigkeit der etablierten Zeitungen von ihren Geldgebern hatte schwerwiegende Folgen für die Glaubwürdigkeit der Blätter. Durch den Anstieg der Arbeitslosigkeit auf einen Rekordstand von 27 Prozent konnten viele Menschen ihre Hypothek nicht mehr bezahlen und verloren ihre Immobilie an die Banken. Es kam zu einer Welle von Zwangsräumungen, die vielerorts Aktivisten auf den Plan riefen, welche diese zu verhindern versuchten. „Die etablierten Zeitungen berichteten wenig darüber und meistens ohne die Namen der jeweiligen Banken zu nennen. Das öffnete uns und anderen eine Informationslücke, die wir ausgenutzt haben, um das zu erzählen, was die anderen verschwiegen. Ohne diesen Umstand wäre unser schnelles Wachstum kaum möglich gewesen“, berichtet Escolar.

Die Bewegung des 15-M und die traditionellen Medien

Viele Menschen, die im Zuge des 15-M monatelang demonstrierten und zahlreiche lokale Bürgergruppen im ganzen Land gründeten, trauten den traditionellen Medien nicht mehr über den Weg. „Beim 15-M übernahmen die Bürger die Rolle des Wächters der Mächtigen, die eigentlich den Medien zukommt. Mit der allgemeinen Systemkritik und dem wachsenden Zugang zu sozialen Netzwerken erlitt die etablierte Presse einen hohen Vertrauensverlust, der bis heute nachwirkt“, sagt Virginia Pérez Alonso, eine von zwei Chefredakteurinnen der Online-Zeitung Público. Die Rezession traf die Medienbranche noch stärker als andere Wirtschaftszweige, was einen massiven Stellenabbau zufolge hatte. Viele dieser entlassenen Journalisten gründeten daraufhin ihre eigenen Medien. Público stellte 2012 seine gedruckte Tageszeitung ein und setzte 130 Mitarbeiter auf die Straße. Daraus erwuchs eine bunte Vielfalt neuer Medien, wie Infolibre, La Marea, das Wirtschaftsmagazin Alternativas Económicas, das Humorblatt Mongolia und auch eldiario.es, da Escolar früher Chefredakteur von Público gewesen war und mehrere ehemalige Mitstreiter zu sich ins Boot holte. Der spanische Journalistenverband APM zählte zwischen dem Ausbruch der Krise 2008 bis 2014 beinahe 400 Neugründungen von Medien, die allermeisten davon rein digital, aber einige auch mit Printausgaben.

Zwar haben es nur wenige dieser journalistischen Startups geschafft, zu den etablierten Medien aufzuschließen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Doch insgesamt spielen die Neuen heute eine wichtige Rolle in der spanischen Medienlandschaft. Zwei Drittel der Leserschaft besucht mindestens einmal pro Woche die Webseite eines der spanischen Online-Medien, wie der „Digital News Report 2018“ des Reuters Institute for the Study of Journalism ergab. Eldiario.es und elconfidencial.com gehören diesem Ranking nach zu den ersten Fünf in Spanien und genießen zudem eine hohe Glaubwürdigkeit.

Die neue Medienlandschaft Spaniens wirkt sich auch auf die exklusiven Enthüllungsgeschichten aus, die früher den Platzhirschen vorbehalten waren. So waren es die beiden führenden Tageszeitungen des Landes, El País und El Mundo, die 2013 den Skandal um die schwarzen Parteikassen der konservativen Volkspartei (PP) aufdeckten. Dieser Fall und andere Korruptionsskandale führten letztendlich den Sturz der Regierung von Mariano Rajoy durch ein konstruktives Misstrauensvotum im Sommer letzten Jahres herbei und brachten den Sozialisten Pedro Sánchez an die Macht. Zwar profitieren die großen, angestammten Medien weiterhin von ihren Quellen und dem privilegierten Zugang zu den Entscheidungsträgern, doch haben die Neuen in den letzten Jahren mit zahlreichen Enthüllungen die Politik kräftig aufgemischt. Mehrere Politiker, darunter eine regionale Ministerpräsidentin der PP und Minister der Sozialisten, stürzten über den unlauteren Erwerb von Master-Universitätstiteln. Der heutige Oppositionsführer Pablo Casado geriet wegen seines fragwürdigen akademischen Abschlusses zumindest vorübergehend unter Druck. Andere Minister mussten wegen fragwürdiger Steuervermeidungspraktiken zurücktreten.

Zuletzt haben die Enthüllungen der jahrelangen privaten Spionagetätigkeit des ehemaligen Polizeikommissars José Manuel Villarejo, der in Untersuchungshaft sitzt, die Öffentlichkeit und das politische und wirtschaftliche Establishment in Atem gehalten. Die geheimen Tonbandmitschnitte und das Abhören von Telefonleitungen werfen ein schlechtes Licht auf den früheren Monarchen Juan Carlos und haben einen PR-Notstand bei der Großbank BBVA ausgelöst. Der Großteil der Enthüllungen aus dem immensen Datenfundus von Villarejo erfolgt über die neuen Medien. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass es sich in vielen Fällen um gezielte und interessierte Filtrationen handelt, die teilweise über ad hoc gegründete Online-Portale verbreitet werden.

Für große Aufmerksamkeit und Entrüstung sorgten in Spanien, wie im Rest der Welt, die so genannten „Panama Papers“, das enorme Datenleck einer Offshore-Agentur, das tausende Fälle von Steuerhinterziehung ans Licht brachte. Das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) suchte sich als Partner für die Auswertung und Veröffentlichung der Daten in Spanien nicht etwa eine der etablierten Zeitungen aus. Man entschied sich für elconfidencial.com, zusammen mit dem privaten Fernsehsender La Sexta. Vor Jahren hatte El País noch allein und exklusiv die diversen Kabel aus dem Pentagon von Wikileaks zugespielt bekommen. „Es ist klar, dass das ICIJ hier jemanden suchte, bei dem man sicher sein konnte, dass die Informationen auch erscheinen, ganz egal welche Personen davon betroffen sind“, versichert Pérez Alonso von Público.

Der Niedergang etablierter Leitmedien

El País verdeutlicht wie kaum ein anderes Blatt die Folgen der Krise. Die Zeitung wurde kurz nach dem Tode des Diktators Francisco Franco gegründet und war die Hauslektüre des linksliberalen Spektrums im Lande, sowie das internationale Aushängeschild der spanischen Presse. Durch eigenes Missmanagement und den Ausbruch der Krise geriet der Herausgeber PRISA in die Hände von internationalen Finanzinvestoren und heimischen Großkonzernen wie BBVA und Telefónica. Diese Interessenlage wurde in der Berichterstattung nicht selten deutlich. Zu allem Überfluss setzten die Herausgeber dann mit Antonio Caño auf einen Chefredakteur, der die Zeitung von ihrem traditionell linksliberalen Kurs nach rechts steuerte. Das verprellte zahlreiche treue Stammleser und führte zum Abschied einer Reihe bekannter und weniger bekannter Autoren, von denen einige bei den neuen Medien anheuerten oder eigene Projekte begannen. Die Probleme des Blattes wurden dadurch nur noch größer. Im letzten Jahr kamen die Eigentümer dann offenbar zur Besinnung und ersetzten Caño durch Soledad Gallego-Díaz, eine renommierte Journalistin aus den Gründungsjahren von El País. Als erste Frau an der Spitze von Spaniens führender Tageszeitung hat sie das Blatt wieder auf den früheren linksliberalen Zuschnitt getrimmt, einige bekannte Journalisten zurückgeholt und wieder kritische Berichte über die eigenen Aktionäre wie BBVA zugelassen.

Auch bei El Mundo, der zweitgrößten Zeitung und großen Rivalen von El País, rief die Krise Veränderungen hervor. Der Gründer und Chefredakteur des Blattes, Pedro J. Ramírez, wurde von den Verlegern 2014 vor die Tür gesetzt. Ramírez, eine der schillerndsten und polemischsten Persönlichkeiten der spanischen Medienlandschaft, machte für seine Ablösung die Veröffentlichung von Informationen über die schwarzen Kassen der PP verantwortlich, die die Rajoy-Regierung in arge Bedrängnis brachten. Er vermutete, dass politischer Druck zu seiner Absetzung geführt hatte. Der Verlag, Unidad Editorial, der von der italienischen RSC kontrolliert wird, gab dagegen die rückläufigen Umsätze als Grund für die Entscheidung an. Wie viele seiner weniger berühmten Berufskollegen, gründete Ramírez daraufhin sein eigenes Projekt, El Español, das er teilweise mit seiner hohen Abfindung sowie aus Spenden seiner zahlreichen Anhänger finanzierte. Das Online-Medium rangiert laut Daten der Marktforschungsfirma Comscore heute unter den zehn meistgelesenen Titeln in Spanien.

In der Frage der Glaubwürdigkeit schneiden die spanischen Medien im internationalen Vergleich eher mäßig ab. Die zitierte Studie des Reuters Institutes ergab, dass 44 Prozent des Publikums in Spanien den Nachrichten glaubt, gegenüber 30 Prozent, die es nicht tun. In Deutschland schenken 50 Prozent der Befragten den Medien ihr Vertrauen.

Politisiertes Staatsfernsehen

Die mangelnde Glaubwürdigkeit der Presse hat in Spanien auch mit der Rolle der staatlichen Medien zu tun. Der nationale Sender Radiotelevisión Española (RTVE) ist seit der Wiedereinführung der Demokratie 1978 ein Spielball der jeweiligen Regierung gewesen, mit wenigen löblichen Ausnahmen. Sowohl die Sozialisten von Felipe González wie die Konservativen von José María Aznar und Mariano Rajoy missbrauchten den Sender ziemlich unverblümt als Propagandaapparat für die eigenen Zwecke. Der Sozialist José Luis Rodríguez Zapatero führte 2006 ein neues Statut für RTVE ein, das die redaktionelle Unabhängigkeit des Senders gewährleistete. Doch sein Nachfolger Rajoy machte dieser Freiheit 2012 dank der absoluten Mehrheit der PP in beiden Kammern des Parlaments ein Ende und das Staatsfernsehen wurde fortan wieder gefügig. Zurzeit wird RTVE von einer kommissarischen Geschäftsführerin, Rosa María Mateo, geleitet, einer anerkannten Journalistin des Hauses, unter der wieder eine kritische Berichterstattung stattfindet. Doch hängt die Zukunft des Staatssenders vom Ausgang der vorgezogenen Parlamentswahlen Ende April ab. „Es ist ein Desaster, dass wir kein öffentliches Referenz-Medium haben“, klagt Pérez Alonso: „Das ist eine vorrangiges politisches Problem, aber es ist sehr schwer zu lösen, da die Parteien nicht daran glauben“. Das betrifft auch neue Parteien wie Podemos, die eigentlich für mehr Transparenz eintreten. Die neuen Medien des linken Spektrums können anhand vieler Vorfälle bezeugen, dass es die Podemos-Führung um Pablo Iglesias mit der Pressefreiheit nicht allzu ernst meint. La Marea, ein kleines, linkes Monatsmagazin und Online-Medium, wurden von der Partei wegen kritischer Berichte lange Zeit Interviews mit den Spitzenpolitikern vorenthalten, unter Hinweis darauf, dass man „freundliches Feuer“ aus ideologisch nahestehenden Kreisen nicht akzeptiere.

Das Problem der Manipulation durch die Politik beschränkt sich nicht allein auf den nationalen Sender RTVE. Auch die regionalen Fernsehanstalten dienen den jeweiligen Regierungen, wie zum Beispiel Canal Sur in Andalusien oder TV3 in Katalonien, die unzweideutig die Linie der Separatisten vertritt, obwohl die Unabhängigkeit nur von knapp der Hälfte der Katalanen unterstützt wird. Für Pérez Alonso von Público haben diese Missbräuche der Politik viel mit dem Bildungssystem zu tun. „In den Schulen hier werden die Kinder dazu erzogen, unkritische Bürger zu sein und nicht etwa über ihre Pflicht aufgeklärt, sich gut zu informieren“, sagt die Journalistin und zweifache Mutter.

Unabhängigkeit durch neue Geschäftsmodelle

Für die Wahrung der Unabhängigkeit und die notwendigen Mittel für aufwendige Recherchen der neuen Medien ist selbstverständlich der wirtschaftliche Erfolg entscheidend. Die große Mehrheit finanziert sich allein über Werbeeinnahmen und teilweise über Zuschüsse von öffentlichen Institutionen oder privaten Stiftungen. Einige Online-Medien verbergen ihre Eigentümerstruktur und geben keine Auskunft über ihre Einkünfte. In manchen Fällen stecken dahinter unternehmerische oder politische Interessen. Andere Zeitungen hingegen setzen auf Transparenz über die Herkunft ihrer Eigentümer und Geldmittel. Das sind vornehmlich Medien des linken Spektrums, deren Geschäftsmodell darauf basiert, die Leser zur Kasse zu bitten. Infolibre, ein Partner der französischen Mediapart, zählte letztes Jahr knapp 10 000 zahlende „Mitglieder“, die exklusiven Zugriff auf die Inhalte haben und etwa die Hälfte des Umsatz ausmachen. La Marea wurde nach dem Vorbild der Berliner taz als Genossenschaft gegründet und zählt rund 5000 zahlende Leser pro Monat. Mit Abstand am erfolgreichsten ist die Online-Zeitung eldiario.es, die in ihrem siebten Lebensjahr auf fast 35 000 Unterstützer kommt. Diese bekommen für 60 Euro im Jahr am Vorabend exklusiven Zugang zu einigen der Artikel, die tags darauf frei verfügbar im Netz stehen. „Bezahlen, damit die Information bekannt wird“, heißt das Motto, mit dem eldiario.es Mitglieder anlockt. Auch andere der neuen Medien appellieren an das Publikum, dass eine freie Presse auf die Unterstützung der Leserschaft angewiesen ist, um nicht allein von der Werbung abzuhängen. Die Bereitschaft der spanischen Leserschaft für Nachrichten zu bezahlen, ist noch gering, doch steigt sie zumindest langsam. In der Befragung des Reuters Institutes gaben 11 Prozent der Personen an, dass sie im vergangenen Jahr für Nachrichten im Internet bezahlt hatten.

Eldiario.es, elconfidencial.com und andere können ihren Mitarbeitern heute dezente Gehälter anbieten, die freilich unter dem liegen, was in der Regel zu den guten Zeiten vor der Krise gezahlt wurde. Anderswo herrschen meist eher prekäre Arbeitsverhältnisse. Eine Reihe von Projekten wurde nach kurzer Lebenszeit wieder eingestellt, wie das Wochenmagazin Ahora, gegründet von ehemaligen Journalisten von El País. Einige Medien leben von nicht vergüteten, freiwilligen Autoren und dem so genannten „citizen journalism“ von engagierten, aber nicht professionellen Bürgern und Bürgerinnen. Das geht teilweise zurück auf die Zeiten des 15-M, als die Protestbewegung ihre eigenen Medien aufzog und Aktivisten jene Zwangsräumungen von Wohnungen filmten und ins Netz stellten, über die die etablierte Presse nur zaghaft zu berichten wagte. „Viele Medien werden von Aktivisten betrieben. Es ist aber wichtig, dies von professionellem Journalismus zu unterscheiden“, meint Magda Bandera, Chefredakteurin von La Marea.

Alternative Medien und gesellschaftliche Polarisierung

Eines der Probleme des Geschäftsmodells mit zahlenden Lesern ist es, die Leute bei Stange zu halten in einer Gesellschaft, die sich wie in anderen Ländern immer stärker polarisiert. Besonders der Konflikt um die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien spaltet das Land und macht es für Journalisten schwer. Alle Zeitungen, die versuchen, beide Seiten des Konflikt darzustellen, haben Leser verloren, die entweder über eine vermeintliche Nähe zu den Separatisten oder über zu harte Positionen gegen die „independentistas“ klagten.

Die Polarisierung um Katalonien, die die politische Debatte in Spanien seit Jahren dominiert und auch Hauptthema im bevorstehenden Wahlkampf sein wird, hat unschöne Blüten getrieben. Mit Vox ist erstmals seit den Anfangsjahren der Demokratie wieder eine klar rechtsradikale Partei auf den Plan getreten. Bei den Regionalwahlen in Andalusien kam die erst vor fünf Jahren von abtrünnigen PP-Politikern gegründete Organisation überraschend auf Anhieb auf 11 Prozent der Stimmen. Die Meinungsumfragen geben Vox beste Chancen, bei den Wahlen am 28. April auch ins nationale Parlament einzuziehen. Die Rechten profitieren vor allem von dem wachsenden spanischen Patriotismus, der eine Reaktion auf die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien ist. Vox hat kaum Führsprecher in den Medien, aber die Polarisierung und Stimmungsmache gegen die Separatisten in Teilen der Presse hat den Positionen der Partei Auftrieb gegeben.
Vox ist andererseits ein gutes Beispiel dafür, dass eine politische Organisation heutzutage auch ohne ideologische Rückendeckung in der Presse erfolgreich sein kann, dank der sozialen Netzwerke. Die Homepage der Rechtsradikalen hatte zuletzt mehr als doppelt so viele Besucher wie die Seiten der übrigen Parteien, was freilich auch am Neuigkeitswerk liegen dürfte. Die Rechten sind jedoch auch auf Instagram führend, wo sie mit hausgemachten Kurzvideos Stimmung gegen Separatisten und Migranten schüren. Facebook und Youtube sind die anderen beiden Kanäle, über welche Vox die rechten Botschaften unter das Volk bringt, offensichtlich mit Erfolg.

Der Katalonien-Konflikt hat in Spanien das Problem der politisch manipulierten Falschmeldungen vor Augen geführt. Besonders rund um das vom Verfassungsgericht untersagte Referendum und die folgende Unabhängigkeitserklärung im Oktober 2017 kursierte eine Fülle von „fake news“, die die Ressentiments beider Lager aufzustacheln versuchten. Immerhin ist das Bewusstsein in der spanischen Gesellschaft bezüglich dieses für die Demokratie bedrohlichen Phänomens vorhanden. Den Umfrageergebnissen des Reuters Instituts zufolge sind 69 Prozent der Spanier über das Problem der Falschinformationen besorgt, verglichen mit 37 Prozent in Deutschland. Die „fake news“ haben wiederum neue Online-Portale wie maldita.es hervorgebracht, die sich allein darauf konzentrieren, solche Falschmeldungen in den sozialen Netzwerken, wie auch eindeutige Lügen von Politikern zu dementieren. So wiederlegte maldita.es etwa eine Meldung auf Twitter, nach der Carles Puigdemont, der abgesetzte und vor der Justiz nach Belgien geflüchtete Regierungschef Kataloniens, die Wähler der rechten und rechtsliberalen Parteien als unterbelichtet beschimpft haben soll.

Ausblick: Von Sternen und Planeten

Der Kosmos der neuen Medienlandschaft in Spanien besteht aus vielen kleinen Sternen und wenigen größeren Planeten, die mit den etablierten Zeitungen und Fernsehsendern mithalten können. Escolar begann eldiario.es 2012 mit einem Dutzend Journalisten in einem kleinen Büro auf der Madrider Gran Vía. Heute arbeiten in der Zentrale rund 100 Personen und weitere 50 in den Lokalredaktionen im ganzen Land. „Wir waren am Anfang ein Medium für die Zweitlektüre, aber heute sind wir erste Lektüre. Etwa die Hälfte unserer Besucher gehen direkt auf die Homepage, um zu sehen, wie wir über das Tagesgeschehen berichten“, sagt Escolar. Er hätte zu Beginn niemals damit gerechnet, einmal 35 000 zahlende Leser für seine Zeitung gewinnen zu können. „Heute glaube ich dagegen, dass wir noch zulegen werden, denn mit unserem Modell sind wir gegen den Trend gefahren, als alle anderen Medien ihre Inhalte gratis anboten“, so der Chefredakteur von eldiario.es. Escolar ist davon überzeugt, dass schon bald alle Zeitungen, die qualitativ hochwertige Inhalte anbieten, diese zahlpflichtig machen und hinter eine Paywall setzen werden. Damit wäre dann Schluss mit der freien Auswahl zwischen diversen Medien. Für Escolar ist bedeutet dieser Trend mehr eine Chance als eine Gefahr: „Die Leute müssen sich dann entscheiden, für welche Zeitung sie bezahlen wollen, und da haben wir mittlerweile viel zu gewinnen“.


Tipp:

Regionalkonferenz im Rahmen des Projekts „Shared Spaces – Europäische Dialoge über öffentliche Räume“ des Heinrich-Böll-Stiftungsverbunds

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