Radikal höflich – geht das auch online?

Radikal höflich – geht das auch online?

Die Initiative "Kleiner Fünf" sucht die direkte Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen Parolen und setzt sich damit aktiv gegen Ausgrenzung und Hass ein. Lea Volz erklärt, wie das konkret aussieht.

Bild einer Demonstration gegen Hate-Speech

„Hätte mich vor einigen Jahren jemand gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass jemals wieder so gesprochen würde in dieser Gesellschaft? (...) Dass der öffentliche Diskurs jemals wieder so verrohen könnte, dass so entgrenzt gegen Menschen gehetzt werden könnte, das ist für mich unvorstellbar.“ (Carolin Emcke)

Kleiner Fünf und das Einmaleins der radikalen Höflichkeit

Fast genau ein Jahr vor der letzten Bundestagswahl gründete sich die Initiative „Unser Ziel: Kleiner Fünf“, weil die Fassungslosigkeit über aktuelle politische Entwicklungen in politischen Aktivismus umgewandelt werden sollte. Schnell war klar, was die Gruppe als Hauptziel vor Augen hatte: Die Verschiebung des politischen Diskurses nach rechts sollte keine Alternative für Deutschland sein und stattdessen die Frage behandelt werden, wie wir in einer offenen Gesellschaft zusammenleben möchten.

Darauf folgten viele verschiedene Aktionen, Menschen zum Wählen zu begeistern (#wahlantrag) und über die Bedrohung der Demokratie durch rechtspopulistische Parteien zu diskutieren (wasverlierstdu?). Damit unser Aktivismus nach der Bundestagswahl ein kontinuierliches Sprachrohr findet und wir unsere Inhalte weiterverbreiten können, wurde Anfang des Jahres die Idee der Gegenrede-Kampagne geboren. Damit verbreiten wir unsere Inhalte und erhöhen mit Werbebudget gezielt unsere Reichweite.

Der Fokus der Kampagne liegt auf unserem Grundkonsens der radikalen Höflichkeit. So wollen wir vor allem Menschen unterstützen, die beispielsweise am Geburtstagskaffeeklatsch mit Oma immer wieder hören, dass das „Boot nun einmal voll ist“ und nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollen. Radikale Höflichkeit liefert hierfür kein Patentrezept, aber bietet Lösungen an, solche Diskussionen im Alltag erträglicher zu machen. Für unsere Facebook-Kampagne verpackten wir Handlungsoptionen in Illustrationen, Videos und Sharepics. Außerdem posteten wir Supporter-Videos von Menschen, die unsere Arbeit kennen und schätzen wie beispielsweise Romy Jaster vom Forum für Streitkultur.

Wir haben uns Handlungsoptionen überlegt, die dich fit für den nächsten Kaffeeklatsch machen: Radikale Höflichkeit bedeutet, Meinungsverschiedenheiten anzunehmen und trotz dessen hitzige Diskussionen auf Augenhöhe zu führen. Das heißt auch, Gemeinsamkeiten zu suchen und damit die eigene demokratische Haltung einzubringen – eine Diskussionsgrundlage zu schaffen, wenn auch politischer Zündstoff dazwischen steht.

Mit radikaler Höflichkeit möchten wir deshalb Gespräche eröffnen, indem wir einander zuhören und ernst nehmen, nachfragen und versuchen, unsere Ansichten zu begründen. „Radikale Höflichkeit“ ist gleichzeitig viel mehr als  Meinungsvielfalt anzuerkennen, sondern aktives Distanzieren von Diskriminierung und Hass. Verständnis für das Gegenüber und Ruhe bewahren – nicht gleich ausrasten, auch wenn sich wer an einem Vokabular bedient, bei dem du innerlich zusammenzuckst.

[Der Inhalt mit der ID 16879 konnte leider nicht geladen werden oder ist nicht vom Typ 'infobox'.]

Haters gonna hate: die Resonanz

Was es bedeutet, unsere eigenen Handlungsoptionen online in die Tat umzusetzen, haben wir nach den ersten Kampagnen-Posts schnell gelernt. Unsere LeserInnenschaft war plötzlich nicht mehr weiblich zwischen 27-32, wie uns unsere bisherigen Facebook-Statistiken verrieten, sondern vor allem männlich und meist über 45. Überraschend und gleichzeitig normal: Trolle, Bots und rechte Gruppierungen aller Art organisieren und versammelten sich unter unseren Beiträgen. Wir konnten gleich testen, wie gut wir die eigenen Tipps beherrschen.

„Von der Masse, Intensität und Hartnäckigkeit der Hasskommentare war ich dann doch (und bin es immer noch) sehr überrascht. Unsere Inhalte sollten für die gesamte politische Mitte absoluter Minimalkonsens sein.“ (Vanessa, Social Media Team)

Thematisch waren die Hasskommentare frustrierend simpel und meist auf drei Bereiche konzentriert: Elitenbashing sowie damit verbundene Verschwörungstheorien, Migration und Zensur. Wenn die einzigen Argumente diskriminierende Aussagen und damit einhergehende Verallgemeinerungen gegenüber Menschengruppen sind, kann es schon mal schwierig werden, radikal höflich zu bleiben und Xmal zu erklären, dass die Aussage, alle Geflüchteten seien kriminell, diskriminierend und abwertend ist. Und dann noch der gute alte Zensurvorwurf à la „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ - stimmt, immer diese lästige politische Korrektheit.

Alles scheint Auslegungssache zu sein, sogar der erste Artikel des Grundgesetzes. Regelmäßig fragten wir uns beim Moderieren der Kommentare unter unseren Beiträgen: „Wie lange diskutieren wir ?“, „Löschen oder nicht löschen ?“, „Kann das so stehen bleiben?“, „Sowas sollte nicht auf Facebook stehen, oder?“. In dieser Zeit haben die KommentatorInnen längst nach der nächstbesten konservativen Nachrichtenseite gegoogelt, die ihre Aussage bestätigen. Ein oft gehörter Kommentar: „Alle, die mit der aktuellen Politik nicht einverstanden sind, bezeichnet ihr als Nazis“. Unsere Reaktion: „Wo wurde bei uns jemand als Nazi bezeichnet? - keine Antwort mehr.

Dabei sind viele Antwortkommentare ein Balanceakt zwischen Belehrung und dem Sichtbarmachen von Grenzen des Sagbaren.
Beschimpfungen aller Art von Menschen, die uns gerne mit der Klobürste „streicheln“ wollen oder fragen, ob wir die geheime Sprachpolizei in Deutschland wären, gehörten leider zu den einfacheren Fällen. Auch aus dem linken Spektrum gab es ganz vereinzelt Kritik verbunden mit Gewaltandrohungen gegenüber RassistInnen, denn das sei manchmal einfach notwendig.
Der Faktor Zeit grätschte uns vor allem spät abends in die Nachtruhe, denn Trolle und Hetzer kennen keine Schonzeit. Wie hoch ist das Risiko, dass, wenn ich mich jetzt ins Bett lege, ein rassistischer Kommentar kommt, den eigentlich kein Mensch irgendwo stehen haben will?

Positive Resonanz erinnerte uns in diesem Online-Hass-Diskurs immer wieder daran, warum die Kampagne so wichtig ist. Nicht für den Troll arbeiten wir, sondern für die Menschen, die mitlesen und sich Inspiration holen. Unter diesen Reaktionen waren oft Verbesserungsvorschläge und konstruktive Kritik sowie Lob. Vor allem die Unterstützung, die wir in Form von Likes, Teilen unserer Beiträge und positiven Kommentaren bekamen, stimmt uns positiv.

Frage – Antwort, oder nicht?

Romy Jaster vom 'Forum für Streitkultur' hat ein UnterstützerInnen-Video zu unserer Kampagne beigetragen. In diesem umschreibt sie radikale Höflichkeit mit Wohlwollen und dem Bereitsein, zunächst stark und plausibel zu rekonstruieren, was die andere Seite sagt. Dabei solle sich das Gegenüber an das Gesagte halten und genau darauf reagieren. So könne man es vermeiden, Denkfehler oder Boshaftigkeit zu unterstellen.

„Das Prinzip des Wohlwollens, wie es bspw. von dem Philosophen Donald Davidson formuliert wurde, besagt sinngemäß, wenn du dich mit dem Argument der Gegenseite auseinandersetzt, dann versuche dich mit einer plausiblen und starken Version des Gesagten auseinanderzusetzen.“ (Romy Jaster)

Wir vermeiden also, auf etwas einzugehen, was unser Gegenüber gar nicht gesagt hat. Eine starke Version des Gesagten zu akzeptieren ist eine der größten Herausforderungen in unseren Debatten.

Die Hetz-Strategie im Netz ist oft simpel: eine ungesunde Mischung aus Provokation, Diskriminierung, Fake News mit einseitiger Berichterstattung untermauern. Schnell noch die Menschen in links, rechts, herkunftsdeutsch oder „mit Migrationshintergrund“ eingeteilt – fertig! Dabei ist es auf beiden Seiten beinahe unmöglich, nicht zu antizipieren, was der nächste Argumentationsschritt des Gegenübers sein wird.

Die Fähigkeit, Ärger über politische Streitigkeiten aufzugeben, um gemeinsam über Ziele und mögliche Lösungen nachzudenken, scheint im Falle einer solchen Diskussion sehr schnell abhanden zu kommen. Stattdessen herrscht defensive Aufregung, die jeden argumentativen Schlagabtausch mit ordentlich Emotion unterlegt. Im Unrecht zu sein, kommt wie eine Niederlage daher, die die Beteiligten auf keinen Fall einstecken möchten.

Bei der Eröffnungsveranstaltung von „Deutschland spricht“ vergangenen September fasste die Youtuberin Eva Schulz zusammen, dass politische Debatten eine Reha sein sollten, um unseren Streitmuskel zu trainieren. Social Media kann Themen in den Mainstream bringen, siehe #metoo #metwo und Co. Der klare Vorteil ist: alle können sich beteiligen und ihre Stimme erheben.

Es ist ein mühsamer Prozess, doch wir sind uns sicher: wir müssen radikal höflich im Gespräch bleiben!

Mehr dazu:

Aktuell läuft außerdem ein Crowdfunding, an dem ihr euch hier beteiligen könnt.

 

 

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben